Retten statt Reden

Die Seenotretter - im Jahr 2017 mehr als 2.000 Einsätze auf Nord- und Ostsee

Dramatische Momente nördlich von Spiekeroog: Nach einer Kollision mit einem Unterwasserhindernis läuft ein zwölf Meter langes hölzernes Kajütboot voll Wasser. Die Besatzung hat einen Notruf abgesetzt. Das Wasser dringt schnell ein. Als die Seenotretter zum Unglücksort kommen, stehen der Mann und die Frau bereits bis zu den Knien im Wasser. Schon wenige Augenblicke nach ihrer Abbergung ragen nur noch die Spitzen der Bootsaufbauten aus dem Wasser. Das Boot ist verloren, die beiden Geretteten werden wohlbehalten nach Wangerooge gebracht.

Die Seenotretter - im Jahr 2017 mehr als 2.000 Einsätze auf Nord- und Ostsee

Glück im Unglück, aber nicht immer laufen die Einsätze der Seenotretter so glücklich ab: Am eisigen Morgen des 6. Februar 2016 verlässt der Kutter „Condor“ mit zwei erfahrenen Fischern an Bord seinen Heimathafen Burgstaaken auf Fehmarn. Von dieser Fangfahrt wird die „Condor“ nicht zurückkehren. Letztes Lebenszeichen des Kutters ist ein Funkspruch – die Besatzung meldet einen außergewöhnlich guten Fang. Sie bitten ihre Kollegen um Hilfe beim Löschen der Ladung. Gegen 18.10 Uhr erfahren die SEENOTRETTER, dass der Kutter überfällig ist. Die letzte bekannte Position liegt etwa 3,5 Seemeilen (6,5 Kilometer) östlich von Fehmarn.

Die erfahrenen Nautiker in der Seenotleitung Bremen errechnen anhand von Drift und Strömungsverhältnissen ein erstes Suchgebiet. Im Revier herrscht Südwind der Stärke 4 (bis 28km/h). Die Ostsee ist vier Grad Celsius kalt. Die Seenotrettungskreuzer BREMEN und HANS HACKMACK haben ihre Stationen verlassen. Mit Höchstgeschwindigkeit geht es ins Suchgebiet. Auch ein Search and Rescue (SAR)-Hubschrauber der Marine ist im Einsatz, ebenso wie ein Wasserschutzpolizei- und ein Bundespolizeiboot sowie fünf Fischkutter. Kurz nach 20 Uhr werden treibende Fischkisten und Tauwerk gemeldet. Schließlich entdeckt der Hubschrauber von Fehmarn einen leblosen Körper. Gegen 20.30 Uhr bergen die SEENOTRETTER den 45-jährigen Decksmann des Kutters tot aus der Ostsee. Gegen 21 Uhr findet die HANS HACKMACK den leblosen 52-jährigen Kutterkapitän.

Beide Fischer trugen keine Rettungswesten, einer hatte einen Rettungsring bei sich. Die Familienväter hinterlassen fünf Kinder. Wie so oft haben die SEENOTRETTER alles Menschenmögliche versucht, um Leben zu bewahren. Die Suche verlief trotz Dunkelheit wie hundert Mal geübt. Doch dieses Mal ist die See stärker gewesen. Der Untergang der „Condor“ gibt Rätsel auf. Das Wrack wird nahe der letzten bekannten Position in 22 Metern Tiefe gefunden, gehoben und untersucht. Es ist äußerlich unbeschädigt. Die technischen Bauteile weisen keine Auffälligkeiten auf. Und der Laderaum ist leer. Die Unglücksursache bleibt zunächst ungeklärt.

Seenotrettung seit 1865

Insgesamt verzeichnete die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) im vergangenen Jahr 2.056 Einsätze (2016: 2.019 Einsätze), meistens mit glücklichem Ausgang. 58 Menschen wurden aus akuter Seenot gerettet, 432 Menschen aus drohender Gefahr befreit sowie 467 Mal erkrankte oder verletzte Menschen von Seeschiffen, Inseln oder Halligen zum Festland transportiert. Rund 85.000 Menschen verdanken den Seenotrettern seit der Gründung der DGzRS vor 153 Jahren schnelle Hilfe. Heute sichern 54 Stationen von Borkum bis Usedom die 3.660 Kilometer Küstenlinie Deutschlands und verzeichnen gemeinschaftlich Jahr für Jahr beeindruckende Zahlen bei der Sicherung und Rettung Schiffbrüchiger. Jeder einzelne Gerettete ist den Seenotrettern lebenslang dankbar.

Heute stechen die Seenotretter mit wesentlich mehr Pferdestärken in See als Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Ruderrettungsboot auf Ablaufwagen.

Gegründet wurde die DGzRS am 29. Mai 1865 in Kiel. Sitz der DGzRS wird Bremen, ihr erster Vorsitzer der Bremer Kaufmann Konsul Hermann Henrich Meier. Damit sind die Verfechter eines einheitlichen, unabhängigen deutschen Seenotrettungswerks am Ziel. In den Jahren zuvor hatten Adolph Bermpohl und Carl Kuhlmay nach schweren Schiffsunglücken an der Nordseeküste ein solches Rettungswerk gefordert. Bereits 25 Jahre nach ihrer Gründung verfügt die DGzRS über rund 90 Rettungsstationen an der Nord- und Ostseeküste. Diese sind mit einfachen Raketenapparaten, Hosenbojen und offenen Ruderbooten ausgestattet. Pferdegespanne transportieren die in festen Rettungsschuppen an Land stationierten Boote zum Strand. Auf See treiben die Seenotretter sie mit der eigenen Muskelkraft und der Hilfe des Windes an. Die Einsätze zur Rettung der Schiffbrüchigen sind beschwerlich und gefährlich.

Als erstes Motorrettungsboot der DGzRS kommt 1911 die OBERINSPECTOR PFEIFER in Fahrt. Bereits 1913 verfügen die Seenotretter über 14 motorisierte Rettungsboote. Der Erste Weltkrieg stoppt zunächst die weitere Motorisierung. Nach dem Krieg baut die DGzRS halbgedeckte Motorrettungsboote mit raumsparenden und robusten Dieselaggregaten, die nach und nach die älteren Rettungsboote ersetzen.

Seenotkreuzer HERMANN MARWEDE (Foto: DGzRS - Die Seenotretter)

Vier neue Schiffe für 2018

Heute lautet die einfache Formel der kontinuierlichen DGzRS-Bootserneuerung 60/30/2. Die rund 60 Rettungseinheiten bleiben, ständig modernisiert, durchschnittlich 30 Jahre lang im Einsatz – rein rechnerisch also zwei neue Schiffe pro Jahr. Vor rund 25 Jahren haben die Seenotretter nach der Wiedervereinigung innerhalb von vier Jahren 24 neue Rettungseinheiten in Dienst gestellt, um die veraltete Technik aus DDR-Zeiten auf den Stationen in Mecklenburg-Vorpommern zügig zu modernisieren. Um zu verhindern, dass erneut eine solche Bündelung an Neubauten bewältigt werden muss, wurden einige Neubauten, die ihre Einsatzgrenzen eigentlich erst ab 2020 erreichen, bereits in die Jahre 2017 und 2018 vorgezogen. Dank zweckgebundener Erbschaften sind diese Investitionen zurzeit möglich. 2017 konnte die DGzRS für ihre Arbeit insgesamt sechs neue Schiffe in Dienst stellen: zwei Seenotrettungskreuzer sowie vier Seenotrettungsboote. Für 2018 sind vier neue Schiffe vorgesehen. Zur Flotte der DGzRS gehören Einheiten mit einer Länge von 6,8 bis 46 Meter.

Die kleinste Einheit, das 6,8-Meter-Seenotrettungsboot DORA, ist ein außerordentlich schnelles Festrumpfschlauchboot für ausgedehnte und teilgeschützte Flachwassergebiete am Stettiner Haff, der östlichsten DGzRS-Station in Ueckermünde. Benannt nach der Mutter einer Förderin, die die Seenotretter in ihrem Nachlass bedacht hatte, dient sie ihrer Besatzung aus freiwilligen Seenotrettern seit 2003. Wie alle SAR-Einheiten der DGzRS ist auch dieses Boot ein Selbstaufrichter und verfügt, bis auf Radar, über eine komplette navigatorische Ausrüstung. Im Fall einer Kenterung schaltet sich der Motor selbsttätig aus und kann anschließend dank speziell wassergeschützter Ausführung wieder gestartet werden. Der 165 kW/225 PS starke Motor beschleunigt das Boot auf bis zu 37 Knoten (ca. 70 km/h). Selbst bei ständiger Höchstfahrt könnte das Boot drei Stunden lang ununterbrochen im Einsatz sein. Die längste Einheit, ein 46-Meter-Seenotkreuzer, hat eine Geschwindigkeit von 25 Knoten und drei Motoren mit zusammen 9.280 PS starken Maschinen.

Seenotrettung ist international

Über 90 % des weltweiten Warenaustausches erfolgt auf dem Seeweg. Seenotrettung ist international, die Seenotretter arbeiten mit allen Nachbarstaaten zusammen. Die Seenotleitung Bremen hilft bei Notfällen mit deutscher Beteiligung rund um den Globus. Die DGzRS ist Mitglied der International Maritime Rescue Federation (IMRF), in der nahezu alle Seenot- und Wasserrettungsorganisationen der Welt zusammen geschlossen sind. Eines der eindrucksvollsten Beispiele für die internationale Zusammenarbeit fand im Sommer des vergangenen Jahres statt. Im Juni 2017 alarmierte der Wachleiter der Seenotleitung Bremen die US-amerikanische Küstenwache wegen eines Seenotfalls im Atlantik. Eine zwölf Meter lange Segelyacht war auf dem Weg von Jamaika nach Deutschland 800 Kilometer vom Festland entfernt in Brand geraten. Die beiden Segler aus Bremerhaven, Vater und Sohn, hatten über Satellitentelefon bei ihrer Familie in Bremerhaven angerufen. Der amerikanischen Spezialeinheit 920th Rescue Wing der U.S. Air Force, in den USA auch respektvoll als „Guardian Angels“ bekannt, und insgesamt über 80 Rettern gelang unter Einsatz eines Rettungs- sowie eines Tankflugzeugs, zweier Rettungshubschrauber, Fallschirmspringern inkl. medizinischer Ausrüstung und Rettungsboot, eines durch die Küstenwache umgeleiteten Tankers sowie der Feuerwehr von Orlando die Rettung. In der spektakulären und hochkomplexen, rund zehnstündigen Rettungsaktion wurden die zwei Segler rund 800 Kilometer östlich von Florida aus ihrer Rettungsinsel aus Lebensgefahr geborgen und sicher in die Klinik nach Orlando transportiert. Dank der guten Zusammenarbeit mit den amerikanischen Kollegen wurden beide gerettet.

Sammelschiffchen der DGzRS (Foto: DGzRS - Die Seenotretter, Sven Junge)

Rette mit, wer kann

Zurzeit versehen 20 Seenotrettungskreuzer und 40 Seenotrettungsboote, von rund 7 bis 46 Metern Länge, ihren Dienst auf 54 Stationen an Nord- und Ostsee. Welche Einheit wo eingesetzt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die nicht zuletzt aus dem umfangreichen Erfahrungsschatz der Seenotretter resultieren. Die Einheiten der Seenotretter gelten als äußerst schwerwettertauglich. Sie zählen – auch im internationalen Vergleich – zu den modernsten und leistungsfähigsten SAR-Einheiten ihrer Zeit. In extremen Schlechtwettersituationen werden die Grenzen jedoch nicht von der Technik gesetzt, sondern vom Menschen. Die Seenotretter sind eine starke Gemeinschaft. Die Förderer im ganzen Land sind die Grundlage dafür, dass die Seeleute, freiwillige wie fest angestellte, rausfahren können, wenn andere nicht wieder reinkommen. Dabei kann ein einzelner Seenotretter nichts ausrichten, da Seenotrettung Teamarbeit ist. Unentbehrlicher Teil dieses Teams sind auch die Förderer. Denn nach wie vor ist die gesamte Arbeit der Seenotretter rein spendenfinanziert.

SPENDENKONTO
DGzRS - DIE SEENOTRETTER
SPARKASSE BREMEN
IBAN: DE36 2905 0101 0001 0720 16
BIC: SBREDE22

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